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Unsere Antworten auf die Stellungnahmen von Groupe E und Staatsrat, die in den Medien verbreitet wurden

Dienstag 17. Juni 2008
Bis heute haben wir keine direkte Antwort auf unsere lettres ouvertes erhalten, die wir am 15. Mai an den Generaldirektor der Groupe E, Herrn Philippe Virdis, und am 19. Mai an den freiburger Staatsrat richteten. Immerhin haben mehrere Medien nach Erscheinen unserer zwei Briefe und dem Start unserer Petition gegen die Investition in ein Kohlekraftwerk über unsere Initiative berichtet (La Liberté, Le Temps, die Freiburger Nachrichten und TSR).

Nur Le Temps hat uns direkt das Wort erteilt. Die übrigen haben ausschliesslich (La Liberté, Freiburger Nachrichten) oder vorwiegend Groupe E und den Staatsrat sprechen lassen. Deshalb antworten wir hier auf die von diesen zwei Beteiligten vorgebrachten Argumente, die mit Entschiedenheit zurückgewiesen werden müssen.

 

Argument 1
Im "Journal" der TSR vom 5. Juni hat der Staatsratspräsident von Freiburg, Pascal Corminboeuf, erklärt: "Stop der Heuchelei: man kann nicht gegen Windkraftwerke (weil sie die Landschaft entstellen), gegen Atomkraftwerke (auch mit guten Gründen), gegen neue Staudämme, gegen jede neue Energie sein - und gleichzeitig weiter Strom verbrauchen."

Antwort
Unsere Stellungnahme hat nichts heuchlerisches an sich, denn wir stellen uns nicht "gegen jede neue Energie". Im Gegenteil, wir verlangen, dass die Freiburger Behörden massiv in Energiesparmassnahmen investieren und dass Groupe E, mit Unterstützung dieser Behörde, in die heute zugänglichen erneuerbaren Energien investiert. Das sind z.B. Fotovoltaik (siehe auch Argument 7), Solarthermik, Windkraft "offshore" und einheimisch, Wasserkraft (vor allem Kleinkraftwerke), landwirtschaftliche und nicht-landwirtschaftliche Abfall-Biomasse.

Eine entscheidende Rolle spielen die Energiesparmassnahmen: je wirksamer diese sind, desto weniger nicht erneuerbare, schädliche Energien müssen benützt werden, um die Freiburger und Neuenburger Verbraucher zu beliefern.

Bis die Sparmassnahmen und die erneuerbaren Energien volle Wirkung zeigen - was heute überhaupt nicht der Fall ist - ziehen wir es vor, dass Groupe E zur Überbrückung in eine etwas weniger schädliche Energie als Kohle investiert: Erdgas verursacht nur halb so viel Treibhausgase wie Kohle.

Zudem können Gaskraftwerke in der Schweiz gebaut und betrieben werden. Der Zeitbedarf zwischen Investitionsentscheid und Inbetriebnahme ist relativ kurz, und man kann sie sehr flexibel betreiben, z.B. bei schwacher Sonneneinstrahlung oder schwachem Wind. Darüber hinaus kann man die Abwärme sehr gut ausnützen.

Hingegen stellt sich unser Kollektiv gänzlich gegen neue Kernkraftwerke. Diese Energie wird oft als CO2-arm dargestellt; das gilt jedoch nur für die praktisch erschöpften "reichen" Uranvorkommen. Dazu dauert es viel zu lange, bis ein neues Werk, mit den bekannten Risiken und Abfallproblemen,  den Betrieb aufnehmen kann. Ausserdem würden die riesigen Investitionen das Geld wegfressen, das wir viel gescheiter für Energiesparmassnahmen und erneuerbare Energien einsetzen können.

 

Argument 2
In einem Interview in La Liberté vom 20. Mai hat Herr Alain Sapin, Direktor der Produktion der Groupe E, ausgesagt: "Ein Kohlekraftwerk wie das in Brunsbüttel geplante erzeugt etwa 700 g CO2 pro kWh, d.h. ein Drittel weniger als die älteren Kraftwerke."

Antwort
Gemäss den letzten wissenschaftlichen Veröffentlichungen des Paul-Scherrer-Instituts (1) werden die neuesten Kohlekraftwerke etwa 730 g CO2 pro kWh erreichen. Dabei wird nicht eingerechnet, dass Brunsbüttel Kohle aus den USA, Südafrika und Australien verbrennen würde. Es verursacht jedoch 105 g CO2 pro kWh, um solche Kohle zu fördern und bis zu 15'000 km weit zu transportieren. Total: 835 g CO2 pro kWh.

 

Argument 3
In La Liberté vom 20. Mai bekräftigt Herr Sapin weiter: "Der Strom aus dem Kraftwerk Brunsbüttel wird eine weit bessere Umweltqualität aufweisen als was wir heute haben."

Antwort
Das Werk Brunsbüttel wird Technologien benutzen, die gegenüber älteren Werken eine leichte Verminderung des CO2-Ausstosses erlauben: 835 statt 1000 g CO2 pro kWh (2). Aber: der Mix aus europäischem Strom, den wir heute importieren, liegt bei 460 g CO2 pro kWh (3). Der Einkauf auf dem europäischen Strommarkt ist also bei weitem weniger umweltschädlich als der von einem Kohlekraftwerk.

 

Argument 4
Weitere Äusserung von Herrn Sapin in La Liberté vom 20. Mai: "Man muss sich nichts vormachen: die Schweizer verbrauchen seit langem Elektrizität aus Kohle."

Antwort
Wir machen uns nichts vor: solange die Schweiz europäischen Strom importiert, stammt ein Teil aus Kohlekraftwerken. Aber die Schweiz ist nicht verantwortlich für die Investitionsentscheide der Nachbarländer, Und bis heute hat kein Stromerzeuger ein Kohlekraftwerk in der Schweiz aufgestellt. Die Schweiz hat also nie Strom aus Kohle produziert oder diese Energieform gefördert. Selbst eine Studie des Energiekonzerns Axpo (4) hält fest, dass ein Kohlekraftwerk in der Schweiz vom Volk nicht akzeptiert würde.

 

Argument 5
Im "Journal" der TSR vom 5. Juni erklärt Herr Sapin, dass das Werk Brunsbüttel "mittelfristig natürlich mit einer CO2-Auffangeinrichtung ausgerüstet werde."

Antwort
"mittelfristig, natürlich" ? Das Auffangen und Lagern von CO2 ist heute grosstechnisch nicht anwendbar und frühestens in ein paar Jahrzehnten denkbar. Diese "Lösung" bietet heikle Probleme auf allen Stufen, von der Abtrennung des CO2 bis zur Sicherheit der Endlager. Letzteres betrifft vor allem die Versenkung im Meer, welche in 2007 diskret durch einen Anhang zur Konvention von London zugelassen wurde (5).

Und wenn einmal alle diese Hindernisse überwunden sein sollten, würde dadurch der Preis der kWh aus Kohle kräftig verteuert, wahrscheinlich etwa verdoppelt. Wäre Groupe E dann gewillt, diese Mehrkosten zu übernehmen?

 

Argument 6
In La Liberté vom 20. Mai erinnert Herr Virdis daran, dass Groupe E plant, bis im Jahr 2030 350 Mio CHF in erneuerbare Energien zu investieren, "mehr als für die Kohleenergie vorgesehen" (162 Mio CHF).

Antwort
Wir haben die 350 Mio CHF bereits im offenen Brief an Groupe E erwähnt, um zu zeigen, dass wir alle Absichten in dieser Richtung für gut halten. Allerdings sind diese 15 Mio CHF pro Jahr zu wenig, um eine wirkliche Richtungsänderung durchzuziehen.

 

Argument 7
In einem Interview, welches am 7. Juni in den Freiburger Nachrichten erschien, behauptet Herr Sapin: "In der Schweiz fehlt es an genügend Flächen" [für Sonnenenergie] und stellt die Frage: "Sind Sie bereit, einen Franken pro kWh zu zahlen, d.h. fünf Mal mehr als für herkömmlichen Strom?"

Antwort
Eine Abschätzung des Fotovoltaik-Potentials im Kanton Freiburg durch M. Gutschner und S. Nowak kam bereits 1998 zu einem ganz anders lautenden Schluss: "Mit der heutigen Fotovoltaiktechnologie können auf den etwa 9 km2 vorhandenen geeigneten Dachflächen pro Jahr ca. 860 GWh Elektrizität produziert werden. Die Fotovoltaik - eine lokale, erneuerbare und nachhaltige Energiequelle - könnte also einen beträchtlichen Beitrag zur zukünftigen Stromversorgung liefern." Zum Vergleich: Brunsbüttel würde ca. 300 GWh pro Jahr an Groupe E liefern.

Was die Kosten betrifft: es stimmt, dass alle erneuerbaren Energien und speziell die Fotovoltaik zur Zeit noch teurer sind als Kohlestrom. Aber diese Kosten nehmen laufend ab - und sind vernachlässigbar, wenn man sie mit den Schäden vergleicht, welche die Klimaänderungen die künftigen Generationen kosten werden.

 

Zum Abschluss:  Was Groupe E verschweigt
Ein wahrscheinlich entscheidendes Argument für das plötzliche Interesse an der umweltschädlichsten Energiequelle hat Groupe E in den Interviews mit den Medien nicht ausgesprochen: in einer ausschliesslich  monetären Betrachtung ist in 2008 (und vielleicht noch 2009) die aus Kohle produzierte Energie die billigste.

Die Produktionskosten für eine kWh aus Kohle belaufen sich auf etwa 8 Rappen pro kWh (inklusive Mehrkosten von 10% für Emissionszertifikate gemäss dem europäischen System). Zum Vergleich: eine kWh aus Erdgas kostet in der Schweiz etwa 11 Rappen (inklusive CO2-Kompensation), d.h. 37% mehr. Zu beachten ist, dass Groupe E den Strom an Private für 16 bis 25 Rappen pro kWh verkauft.

Es scheint, dass eine rein buchhalterische Rechnung diese Investition für Groupe E und offenbar auch für den Staatsrat rechtfertigt. Dieses Unternehmen und sein Hauptaktionär zeigen damit, wie wenig Priorität sie der Zukunft unseres Klimas zumessen. Diese Haltung steht jedoch im Widerspruch zu den guten Absichten, die in unserer Gesetzgebung stehen (siehe Text der Petition).

Um diese sehr schädliche Investition zu vermeiden, muss der Staatsrat eine Energiepolitik aufstellen, die starke Anreize für erneuerbare Energien, insbesondere Fotovoltaik, und massive Stromsparkampagnen für die Kunden der Groupe E enthält. 

Wir sind nicht so naiv zu glauben, dass ein solcher Übergang leicht zu erreichen ist. Aber wir glauben, dass es um das menschenwürdige Überleben von allen geht. Deshalb drängt unser Kollektiv "Nein zur Kohle" die Freiburger Behörden und Groupe E, eine breite Diskussion zu den notwendigen Massnahmen zu eröffnen. Mehrere von uns sind auch gerne bereit, zusammen mit den Behörden und Groupe E über diese Massnahmen nachzudenken.

 

Quellen
1. Bauer C. (2008), Life Cycle Assessment of fossil and biomass power generation chains. An analysis carried out for Alstom. PSI report No.08-XY, to be published. Paul Scherrer Institut, Villigen, Switzerland.

2. Ecoinvent v1.1.

3. Ecoinvent v1.1.

4. www.axpo.ch

5. La capture et le stockage de carbone ? … Il y a peut-être mieux à faire ! Communiqué de presse de France Nature Environnement du 14 mai 2008.

6. www.netenergy.ch (PDF, Französisch)

 

 

Kollektiv Nein zur Kohle! 2010, alle reservierten Rechte  ::  "Script Petition" Nicolas Dunand 2007-2010, alle reservierten Rechte